„Vertrauen kann man nicht einfordern. Man muss es verdienen."

Zahnarztangst betrifft Millionen Menschen – und ist kein Grund, sich zu schämen. In diesem Interview erklärt Zahnarzt Georg Possekel, wie Vertrauen entsteht, warum Zeit so wichtig ist und weshalb der erste Schritt zurück in die Praxis oft der mutigste ist.
Zahnarztangst ist weit verbreiteter als viele denken – und wird trotzdem selten offen angesprochen. In den kommenden Monaten widmen wir uns auf diesem Blog ausführlich dem Thema: Angst, Scham und der Weg zurück in die Praxis. Was steckt dahinter? Wie geht man damit um? Und was kann sich auf Seiten der Praxen ändern? Den Auftakt macht dieses Gespräch mit Zahnarzt Georg Possekel, der seit über zwei Jahrzehnten eine eigene Praxis führt – und der sehr genau weiß, was es bedeutet, wenn ein Patient zitternde Hände hat, noch bevor er überhaupt im Behandlungsstuhl sitzt.
Was ist aus Ihrer Sicht die häufigste Ursache für Zahnarztangst?
Eindeutig ein schlechtes Erlebnis in der Kindheit. Das klingt vielleicht banal, aber ich höre das wirklich täglich. Irgendein Arzt, der zu wenig erklärt hat, zu schnell war, oder bei dem die Betäubung nicht richtig gewirkt hat – und das brennt sich ein. Das Gehirn speichert das als Gefahr ab, und zwanzig Jahre später sitzt der Patient bei mir und hat feuchte Hände, obwohl er noch gar nicht im Behandlungsstuhl ist. Manchmal ist es auch einfach die Atmosphäre: der Geruch, das Geräusch des Bohrers. Das reicht schon aus, um alles wieder hochkommen zu lassen.
Wie erkennen Sie, ob ein Patient Angst hat – auch wenn er es nicht sagt?
Man lernt das mit der Zeit zu lesen. Die Körpersprache sagt alles. Jemand, der die Arme verschränkt, die Schultern hochzieht, sehr still wird – das sind klare Signale. Oder das Gegenteil: jemand, der redet und redet, einfach um nicht an das zu denken, was gleich kommt. Ich schaue auch auf die Hände. Wenn jemand die Lehne des Stuhls umklammert, weiß ich Bescheid. Und dann gibt es noch dieses nervöse Lachen – zu schnell, auf eine Frage, die eigentlich gar nicht lustig war. Das ist fast immer ein Zeichen.
Was ist der größte Fehler, den Praxen im Umgang mit Angstpatienten machen?
Zu wenig Zeit und zu wenig Erklärung. Viele Praxen sind getaktet wie ein Fließband – zehn Minuten hier, zwanzig dort. Aber ein Angstpatient braucht erstmal fünf Minuten, in denen gar nichts passiert außer Reden. Wenn man direkt ins Machen geht, verliert man den Menschen sofort. Ein weiterer, sehr häufiger Fehler ist, die Angst kleinzureden. „Ach, das ist doch nicht so schlimm" – das ist das Schlimmste, was man sagen kann. Damit fühlt sich der Patient unverstanden und dumm. Und dann kommt er nie wieder.
Wie bauen Sie Vertrauen bei neuen Patienten auf?
Ich fange immer mit einem Gespräch an – ohne Instrumente, ohne Stuhl, einfach gegenüber sitzen. Ich frage: Was hat Sie hierher gebracht? Was haben Sie erlebt? Was macht Ihnen am meisten Sorgen? Und dann höre ich wirklich zu, nicht mit einem Auge auf der Uhr. Danach erkläre ich, was ich vorhabe – Schritt für Schritt. Und ich sage immer: Sie haben jederzeit die Kontrolle. Wenn Sie die Hand heben, höre ich sofort auf. Kein Wenn, kein Aber. Dieses eine Versprechen verändert alles.
Was sagen Sie Patienten, die sich für ihre Zahnsituation schämen?
Das passiert sehr häufig – und ich nehme es jedes Mal sehr ernst. Ich sage ihnen: Ich bin seit über zwanzig Jahren Zahnarzt. Ich habe wirklich alles gesehen. Meine Aufgabe ist nicht, zu urteilen. Meine Aufgabe ist, zu helfen. Scham ist menschlich, aber sie hat in meinem Behandlungszimmer keinen Platz. Und dass jemand überhaupt hier sitzt – trotz der Angst, trotz der Scham – das ist mutig. Das sage ich ihnen auch so, direkt und ehrlich.
Welche Rolle spielt Zeit bei Angstpatienten?
Eine riesige. Zeit ist das eigentliche Medikament. Ich plane für Angstpatienten grundsätzlich mehr ein – nicht weil die Behandlung selbst länger dauert, sondern weil ich nicht hetzen will. Wenn ich merke, dass jemand gerade innerlich kämpft, mache ich eine Pause. Wir reden kurz, dann geht es weiter. Das kostet mich manchmal zwanzig Minuten extra. Aber dafür kommt der Patient beim nächsten Mal entspannter. Und irgendwann ohne Angst. Das ist der eigentliche Gewinn – für beide Seiten.
Gibt es typische „Aha-Momente", in denen Patienten merken: Es ist gar nicht so schlimm?
Oh ja, und die sind wunderschön. Meistens passiert es nach der Betäubung. Der Patient hat sich wochenlang reingesteigert, und dann sitzt er da und merkt: Ich spüre nichts. Gar nichts. Dieses Erstaunen im Gesicht – das vergisst man nicht. Manchmal sagen sie danach: „Ich verstehe nicht, warum ich so lange gewartet habe." Das höre ich sehr oft. Und ich antworte dann immer: Weil die Angst größer war als die Vernunft – und das ist völlig normal.
Wie gehen Sie mit Patienten um, die schlechte Erfahrungen gemacht haben?
Mit viel Geduld und ohne jede Rechtfertigung. Es bringt nichts zu sagen „Nicht alle Zahnärzte sind so." Das stimmt zwar, hilft aber nicht. Ich lasse sie erzählen, was passiert ist. Manchmal kommen dabei Dinge hoch, die Jahre zurückliegen und den Menschen noch immer aufwühlen. Das nehme ich ernst. Und dann sage ich: Bei mir läuft das anders – und ich zeige es Ihnen, anstatt es nur zu behaupten. Vertrauen kann man nicht einfordern. Man muss es verdienen.
Was würden Sie jemandem sagen, der seit Jahren nicht beim Zahnarzt war?
Ich würde sagen: Willkommen zurück. Ohne Ironie, ohne Vorwurf, ganz aufrichtig. Ich weiß, was es gekostet hat, heute hier reinzukommen. Das ist der schwerste Schritt – und den haben Sie schon gemacht. Den Rest machen wir gemeinsam, in Ihrem Tempo. Was auch immer wir vorfinden: Es gibt immer einen Weg nach vorne. Immer. Und je länger man wartet, desto mehr Optionen verliert man – aber heute, jetzt, ist noch nichts verloren.
